Steno kontra Demenz – Stenografie gegen das Vergessen

Steno kontra Demenz – Stenografie gegen das Vergessen

Was für ein Schlagwort! Dass Reisen, das Erlernen neuer Tänze oder eines Musikinstrumentes gut für die Hirnzellen sind, hat man schon gehört. Aber Stenografie?

Obiger Titel gehört zu einer Studie der Mindener Stenografenschaft (D) mit ärztlicher Mitwirkung. Die Ethikkommission der Ärztekammer Hannover genehmigte und ein Fachkrankenhaus unterstützte die Studie. Man wollte herausfinden, ob die Stenografie ein ebenso gutes Mittel sein könnte wie die oben erwähnten, um den Gehirnabbau zu verhindern oder zumindest zu verlangsamen. Es war ein steiniger Weg, bis alles geregelt war, insbesondere betreffend medizinischer Untersuchungen. Ich beschränke mich hier auf die Erfahrungen mit dem Stenografie-Unterricht.

Frühere Forschungsergebnisse bestätigen, dass sich das Gehirn kontinuierlich an neue Aufgaben anpasst. Laut Recherchen der Mindener Stenografenschaft spricht die Kurzschrift diverse Domänen an:

  • Gedächtnisleistung
  • Verbindung von Auffassung des Klangbildes mit Umsetzung in Wortbilder
  • Konzentration
  • Steigerung der Leistungsanforderungen
  • Steigerung des Allgemein- und Sprachwissens
  • Motorik.

17 Frauen im Alter von 50 + bis gegen 80 mit leichter Vergesslichkeit trafen sich in der Testphase zwei Jahre lang zweimal wöchentlich ohne Unterbruch zum Stenounterricht (Aneignen und Schreiben der Zeichen, Lesen, Diktat in aufsteigender Geschwindigkeit).  Männer und Linkshänder wurden aufgrund anderer Hirnstruktur nicht einbezogen. Die in regelmässigen Abständen durchgeführten Demenz-, Intelligenz-, Reaktionstests u.a.m. zeigten ein erfreuliches Zwischenresultat: keine Verschlechterung der Vergesslichkeit, das geistige Niveau konnte gehalten werden, in einigen Funktionen zeigten sich signifikante Verbesserungen. Nach einem Jahr berichteten die Damen selbst von mehr geistiger Flexibilität und Steigerung der Merkfähigkeit. Die Stenografie dient ihnen seither auch im Alltag.

Natürlich bräuchte es nun eine grossangelegte Studie, um den positiven Einfluss von Stenografie auf die Hirnleistung definitiv beweisen zu können. Aber das Beispiel der 17 Lernenden ist doch schon erfreulich und ermutigend. Insbesondere als kürzlich die offiziellen Ergebnisse bekannt gegeben wurden und fünf Jahre nach Beginn des Unterrichts feststeht, dass bei den Lernenden die im Alter für gewöhnlich absinkende Kurve der kognitiven Leistungsfähigkeit geradeaus nach rechts zeigt. Die Feinmotorik erreichte gar eine deutliche Verbesserung. Durch diese Ergebnisse darf man bestimmt die Stenografie den eingangs erwähnten Tätigkeiten zum Erhalt guter Hirnleistung gleichsetzen.

Ich selber, Stenografin seit über vierzig Jahren,  habe folgende berührende Erfahrungen gemacht: eine Dame bestellte für ihren an Alzheimer erkrankten Mann Lesestoff, da er die Stenografie immer noch gut lesen konnte. Nach seinem Tod schrieb mir seine Frau, er hätte bis zuletzt die Geschichten übungshalber auch abgeschrieben.

Die zweite Erfahrung machte ich bei einem Besuch im Haus Herbschtzytlos. Eine Dame erzählte von ihrem früheren Büroalltag. Ich fragte sie, ob sie auch stenografiert hätte. „Ja, damals schon, aber ich bin nicht mehr geübt“, war ihre Antwort. Flugs zauberte ich ein Heft mit Geschichten in Stenografie aus meiner Tasche, streckte es ihr unter die Nase und voilà, die Dame fing ohne zu zögern an zu lesen. Ihre Konzentration liess zwar schnell nach, so lasen wir abwechslungsweise weiter. Sie setzte wieder ein, sobald sie ein Wort erkannte. Und sie freute sich. Und ich freute mich.

Wer sich für das Thema Stenografie interessiert, möge sich melden. Es gibt für jeden eine Lösung, (wieder) aktiv zu stenografieren.

Ein Bericht von S. Seeholzer
- info.stenolektuere@yahoo.de
- www.stenolektuere.vpweb.ch
- www.steno.ch

Quellen:

Steno kontra Demenz, Norbert Haacke; Die Rheinpfalz am Sonntag, 6.5.2012; DEWEZET, 25.6.2013; Unbek. Zeitung, Alda Maria Grüter

Der Schweizer Stenograf Nr. 3/2018, Projekt Stenografie contra Demenz – kognitives Lernen und gesundes Altern, E. Werner

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